Dienstag, 1. Mai 2018
Gesellschaftsgeschichte
Wenn in einem Geschichtsbuch oder Rundfunkbeitrag der DDR die Weltausstellung in Chicago vor 125 Jahren behandelt worden wäre, hätte man dies unter dem Aspekt der Arbeiterbewegung und der Krise des Kapitalismus getan, es wäre zu erfahren gewesen, wie die Nutzung des Wechselstroms die Industrialisierung und damit das Proletariat zur weiteren Entwicklung gebracht hätten, vielleicht wäre etwas über Streiks der Arbeiter und die Gründung von Gewerkschaften zu erfahren gewesen.
Im, sagen wir, Dritten Reich wäre es um den deutschen Anteil an der Technisierung gegangen, Kapitalismuskritik wäre auch dabei gewesen, vielleicht hätten Juden irgendwas Schädliches angerichtet.
In Nordkorea würde es um die Kriegstreiberei der USA mit der Nutzung der Erfindungen für Waffentechnik gehen, bei Facebook um den Aufbruch ins Optimistische oder so was.

In der alten Bundesrepublik wäre die Entwicklung der Technologie das zentrale Thema gewesen, denn darum ging es bei der Weltausstellung. Gleichstrom und Wechselstrom, Edison und Westinghouse.

Heute, in der Neuen Bundesrepublik, ging das Kalenderblatt im DLF tatsächlich damit los. Knopfdruck und Licht, Staunen.
Dann die Expertenstimme über neoklassizistische Bauten auf dem Gelände, weiß, weil man sich als weiß definierte, als viele neue Zuwanderer aus südlicherem Europa einwanderten: „Weiß als Farbe der Zivilisation. Das Land veränderte sich. Viele Einwanderer nicht mehr aus Nord- und Westeuropa, sondern aus Osteuropa, aus Südosteuropa, aus Südeuropa. Und es war die Frage, wer sind wir? Was ist ein Amerikaner? Und da kamen natürlich die eingesessenen White Anglo Saxon Protestants und kreierten ein Bild des Amerikaners, das basierte auf Protestantismus, auf Weiß-Sein und ... Und von daher symbolisiert das Weiß tatsächlich das weiße Mittelklasse-Amerika.“ Wie man heute weiß.

„Die Ureinwohner Nordamerikas, deren Lebensraum diesem zivilisatorischen Fortschritt zum Opfer fiel, wurden auf der Weltausstellung von Chicago noch als exotische Wilde zur Schau gestellt. Erst 1924 erhielten sie die amerikanische Staatsbürgerschaft und 1934 das Recht zur Ausübung ihrer Kultur.“
Bis dahin haben sie von ihrer Kultur gar nichts gewusst.

Das ist ja alles nicht völlig falsch und sollte nicht ausgeblendet werden, aber hier wird eine neue Normsicht implementiert. Eine neuweiße, die sich als bunt ausgibt.
Alles unter dem Aspekt Zuwanderung und Biokultur, aber schon ideologisch vorgeprägt.
Allerdings kann man schon froh sein, wenn das Thema dies so hergibt, sonst hätte noch kommen müssen, dass die Weltausstellung eine Sache von Männern war. Beim nächsten Jubiläum haben Edison und Westinghouse einfach ein Ding zwischen Männern um die größere Homophobie ausgetragen.

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